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Der Edelsteinbaum Armenische Maerchen. Vom Schlangenjüngling Odzamanuk und von Arewamanuk, auf den die Sonne zornig war

February 8, 2015

Es war einmal ein König, der hatte keine Kinder. Eines Tages jagte er in den Bergen und sah eine Schlange mit ihren Kindern in der Sonne spielen.
Sieh an, dachte der König, selbst die Schlange hat Kinder. Nur ich habe keine. Ich habe weder einen Sohn noch eine Tochter, nicht einmal ein Schlangenkind habe ich.
Doch als er heimkehrte, meldete man ihm: “Die Königin hat die einen Sohn geboren mit dem Kopf eines Menschen und dem Körper einer Schlange.”
Sie nannten den Königssohn Odzamanuk, was soviel heißt wie “Schlangenjüngling”. Doch womit sie das Schlangenkind auch fütterten, alles lehnte es ab und verlangte Menschenfleisch. Da erließ der König den Befehl, dem Schlangenjüngling jeden Tag ein junges Mädchen zum Mahl zu reichen.
Die Reihe kam auch an die Familie eines armen Bauern. Er hatte zwei Töchter: eine leibliche Tochter und eine Stieftochter. Da sprach er zu seiner Frau: “Wir werden deine Tochter in den Palast bringen.”
Doch die Stiefmutter wollte nichts davon hören. Sie tobte und setzte ihrem Mann arg zu und rüstete die Stieftochter für den Gang zum Schlangenjüngling. Das Mädchen weinte, der Vater weinte, aber was half´s, am nächsten Morgen mußte sie in den Palast. Sie legten sich schlafen, und das Mädchen hatte einen Traum, in dem ein Unbekannter zu ihr sprach: “Habe keine Angst, nimm einen Krug mit Milch mit, ein Messer und eine Ochsenhaut. Wenn du zu dem Schlangenjüngling Odzamanuk gehst, hülle dich in die Haut, zerschneide ihm die Schlangenhaut und wasche ihn mit Milch. Dann wirst du sehen, was passiert.”
Am nächsten Morgen erzählte das Mädchen seinem Vater den Traum.
Sie machten sich fertig und gingen in den Palast. Des Königs Diener ließen das Mädchen in den tiefen Keller hinab, in dem der Schlangenjüngling lebte. Er stürzte sich auf das Mädchen, doch er konnte die Ochsenhaut nicht sogleich durchbeißen. Das Mädchen aber ritzte ihm mit dem Messer die Haut auf und wusch ihn geschwind mit der Milch. Die Schlangenhaut find an zu bersten, vor Schreck wich das Mädchen zurück, fiel hin und schlug sich einen Schneidezahn aus.
Als sie wieder aufstand und sich umblickte, da stand vor ihr ein wunderschöner Jüngling mit geschwungenen schwarzen Augenbrauen. Der Vater des Mädchens spähte in den Keller und dachte: Sicherlich ist meine Tochter umgekommen. Doch was sah er? Die Tochter stand da und unterhielt sich seelenruhig mit einem wunderschönen Jüngling.
Da lief der Bauer zum König, erzählte, was er gesehen hatte. König und Königin freuten sich, und aus lauter Freude ließen sie zur Hochzeit aufspielen. Der Königssohn vermählte sich mit der Bauerstochter, die ihn von der Schlangengestalt erlöst hatte. Der Name Odzamanuk blieb zwar an dem Jüngling haften, doch darauf achtete niemand.
Lange hätten sie glücklich zusammengelebt, doch da brach ein Krieg aus, und Odzamanuk rüstete sich, sein Land zu verteidigen. Beim Abschied sprach er zur Königin: “Mütterchen, laßt meine Frau niemals weg, besonders nicht in ihr Vaterhaus.”
Die Stiefmutter unterdessen war zornerfüllt, daß sie nicht ihre eigene Tochter zu Odzamanuk geschickt hatte. Sie wütete, daß die Stieftochter im Königspalast war, und sann auf Böses. Kaum war Odzamanuk davongeritten, kam sie in den Palast und bat die Königin, die Tochter doch auf Besuch heimzulassen. Anfangs willigte die Königin nicht ein, doch dann ließ sie sie ziehen.
Zu Hause angekommen, suchte die Stiefmutter alle Wäsche zusammen, die im Hause war und sprach: “Gehen wir zum Fluß, meine Töchter, Wäsche waschen.”
Sie begaben sich zum Fluß, verteilten sich am Ufer und fingen an zu waschen. Da packte die Stiefmutter die Stieftochter und stieß sie in den Fluß, und der schelle Fluß trug sie geradewegs aufs offene Meer hinaus.
Die Stiefmutter zog ihrer Tochter die Kleider der Stieftochter an und schickte sie in den Palast. Die arme Stieftochter aber hielt sich an einem Brettchen fest und schwamm und schwamm, bis eine Welle sie auf ein unbewohntes Eiland warf. Sie kletterte ans Ufer, weinte bittere Tränen, beklagte ihr Schicksal und den geliebten Mann, den Königssohn Odzamanuk.
Sie flocht sich eine Decke aus Schilf, und als sie fertig war, wickelte sie sich darin ein und durchstreifte traurig die Insel. Lange schon war sie gegangen, da stieß die auf eine Hütte aus Schilf und Zweigen. Sie spähte hinein und traute ihren Augen nicht: Ein wunderschöner Recke schlief fest an einem Herd, in dem das Feuer erloschen war.
Er erwachte und fragte verwundert: “Wer bist du? Und wie bist du hierhergekommen?”
Da erzählte sie ihm ihre traurige Geschichte.
Und der Jüngling berichtete von seinem Schicksal: ” Ich bin der Sohn eines reichen Mannes. Ich lebte so in den Tag hinein, kannte keine Sorgen, ging spazieren und auf die Jagd und tat weder für mich noch für andere etwas n
Nützliches. Ich war derart verwöhnt, daß ich glaubte, die ganze Welt müsse mir dienen. Nun geschah es, daß ich an einem heißen sonnigen Tag umsonst zur Jagd auszog. Den ganzen Tag ritt ich über Berg und Tal und konnte kein Wild erlegen. Die Sonne blendete mich. Da dachte ich: Morgen früh will ich die Sonne erschießen, sie stört mich bei der Jagd. Kaum zeigte sich am nächsten Morgen der Sonnenball über den Bergen, da spannte ich den Bogen – und plötzlich übergoß Feuerröte den Himmel und blendete mich. Eine Feuerhand packte mich am Haar und warf mich hierher, auf diese unbewohnte Insel. Jetzt bin ich verflucht – ich kann das Sonnenlicht nicht ertragen und muß des Nachts aufsein und am Tage schlafen. Die Sonnenstrahlen wirken tödlich auf mich. Ich bin Arewamanuk, das Sonnenkind, wie ich zum Scherz genannt werde. Mein Schicksal ist bitter, aber ich habe es selbst verdient.”
Da sie das Schicksal nun mal beide auf diese unbewohnte Insel verschlagen hatte, kamen sie überein, als Mann und Frau zusammen zu leben.
Tagsüber arbeitete die Frau und bestellte das Feld, des Nachts ging der Mann auf die Jagd und holte Wasser aus einer Quelle.
Einige Zeit war vergangen, da wurde ihnen ein Sohn geboren, Arewamanuk sprach zu seiner Frau: ” Es ist unserem Kind nicht zuträglich, daß es auf dieser Insel aufwächst. Hier bekommt es keinen Menschen zu Gesicht und lernt auch nichts. In der Nacht will ich dich in einem Boot zu meinen Eltern bringen, und du sollst mit unserem Sohn bei ihnen leben.”
Arewamanuk schrieb seinen Eltern einen Brief: ” Ich schicke meine Frau mit unserem Sohn zu euch, ich aber darf mich bei Tageslicht nur in meiner Schilfhütte aufhalten, sonst muß ich sterben.”
Voller Freude nahmen Arewamanuks Eltern die Schwiegertochter mit dem Enkelkind bei sich auf.
Eines Tages vernahmen sie, wie die Stieftochter in der Dunkelheit das Kind in den Schlaf wiegte und sang: “Schlaf mein Söhnchen, schlafe ein, eiapopeia.”
Und eine Männerstimme wiederholte: “Eiapopeia.”
Verwundert fragten sich die Eltern, wer das sein mochte? Sie quälten die Schwiegertochter mit Fragen, und schließlich gestand sie: ” Das ist euer Sohn, er kommt des Nachts hierher geschwommen, um sein Söhnchen zu sehen. Nur dürft ihr ihn nicht in euer Haus bitten; bevor die Sonne aufgeht, muß er immer in seiner Schilfhütte sein, sonst trifft ihn der Tod.”
Die Alten warteten die Nacht ab. Sie schlichen in den Garten und sahen die Schwiegertochter auf und ab gehen und den Sohn auf den Armen wiegen. Plötzlich hörten sie, wie jemand die Schwiegertochter rief und sich ganz leise einen Weg durch die Bäume bahnte. Sie sahen genau hin und erkannten ihren Sohn. Sie umfaßten und umarmten ihn, küßten ihn und zogen ihn ins Haus.
“Rührt mich nicht an”, flehte Arewamanuk. ” Ich darf nicht ins Haus kommen, ich kann nicht bei euch bleiben, sonst muß ich sterben.”
Doch die Eltern glaubten ihm nicht, zogen ihn ins Haus, bewirteten ihn aufs beste und plauderten mit ihm. Arewamanuk aber vergaß alles, und mit dem ersten Sonnenstrahl fiel er auf die Erde nieder, und sein Atem stockte. Sein Lebenslicht brannte jedoch noch ganz, ganz schwach. Die Eltern brachen in Tränen aus und rauften sich die Haare, doch was half alles Jammern?
In der folgenden Nacht hatte Arewamanuks Mutter einen Traum. Ein Unbekannter erschien und sprach: “Erhebe dich schnell, ziehe Dir eiserne Schuhe an, nimm einen eisernen Stab und gehe gen Westen. Dort, wo deine Schuhe Löcher bekommen und der Stab zerbricht, wirst du das mittel finden, das deinen Sohn wiedererweckt.”
Da stand die Mutter auf, zog sich eiserne Schuhe an, nahm einen eisernen Stab und wanderte gen Westen. Lange war sie unterwegs, ein Jahr vielleicht oder zwei. Sie kam in das Land der weißen Menschen und dann in das Land der schwarzen Menschen, dann flogen nur noch Vögel umher, sprangen nur noch Tiere vorbei, und danach gab es gar nichts mehr und sie gelangte ans Ende der Welt. Dort stand ein wunderschöner Palast aus blauem Marmor. Als sie sich endlich dem Palast näherte, zersplitterte der Stab und ihre eisernen Schuhe bekamen Löcher. Sie durchschritt eine Ehrenpforte und gelangte in einen prächtigen Garten. Am Ende des Gartens erblickte sie wieder eine blaue Pforte und so ging sie durch zwölf Gärten und zwölf Pforten und kam in ein blaues Schlafgemach, wo genau tausend Sternlein still schlummerten. Auch war es ganz still. Plötzlich gewahrte sie einen goldenen Diwan, auf dem die Lichtkönigin Lujs saß, die Mutter Aregaks – des goldenen Sonnenstrahls. Die Lichtkönigin fragte sie: ” Warum bist du zu mir gekommen?” ” Ich bitte dich, meinem Sohn das Leben zurückzugeben”, entgegnete die Pilgerin und verneigte sich.
“Du hast einen schlechten Sohn großgezogen”, erwiderte die Königin Lujs. ” Du hast ihn verwöhnt. Daher ist er böse geworden und wollte Aregak, meinen Sohn töten.”
Arewamanuks Mutter senkte den Kopf, errötete vor Scham und sprach: ” Du hast recht, o Königin, aber er hat viel erduldet, und er hat sich geändert. Verzeihe ihm, schenke ihm das Leben zurück. Du bist doch auch eine Mutter, du mußt mich verstehen.”
“Soll es so sein.” Die gute Königin Lujs seufzte. ” Verstecke dich dort, hinter der Perlendecke. Gleich wird es auf der Erde Nacht werden, und Aregak – der Sonnenstrahl – kehrt heim. Er wird in dem Becken baden, und wenn er es verläßt, schöpfe daraus Wasser. Mit diesem Wasser wasche deinen Sohn. Dann erhält er sein Leben zurück.”
Kaum hatte sie zu Ende gesprochen, da erschien Aregak, der feuerglühende Sonnenstrahl, und tauchte in das Wasser. Als er wieder herausstieg, schöpfte Arewamanuks Mutter Wasser und machte sich mit dem Riesenlöffel voller Wasser auf den Heimweg. Daheim wusch sie Arewamanuk mit dem Sonnenwasser, er erhielt sein Leben zurück und der Fluch war von ihm genommen.
Die Kunde über das Wunder durcheilte alle Länder, auch Odzamanuk hörte davon, der aus dem Krieg zurückkehrte. Im Palast merkte er sofort, daß man seine Frau vertauscht hatte.
Da begab er sich zu Arewamanuks Mutter, um ihren Rat zu erbitten, ob sie ihm nicht in seinem Kummer helfen könne und ein Mittel wüßte, die Frau zu finden, ohne die er bis jetzt noch eine Schlange wäre.
Odzamanuk wurde freundlich aufgenommen, genötigt, Platz zu nehmen, und bewirtet. Er erzählte alles der Reihe nach und wie er an die Stelle kam, wo das Mädchen, das ihn gerettet hatte, zurückgewichen und sich einen Schneidezahn ausgeschlagen hatte, lächelte die Schwiegertochter und in ihrem Mund blitzte ein goldener Schneidezahn auf.
Da erkannte Odzamanuk seine geliebte Frau. Doch nun waren sie alle verwirrt und guter Rat war teuer.
Odzamanuk rief Arewamanuk zur Seite und sprach: ” Du bist nicht schuld, Arewamanuk, und ich bin es auch nicht. So hat sich nun mal alles gefügt. Laß uns das Schicksal prüfen. Geben wir der Frau gesalzenen Kebab, wir selbst nehmen aber ein Glas Wasser in die Hand, wen sie um das Wasser bittet, dem soll sie gehören.”
Sie bestiegen die Pferde und ritten aufs Feld. Die Frau mit dem Kind auf dem Arm folgte ihnen und rief: “Arewamanuk!”
Er stieg vom Pferd und wollte ihr das Wasser reichen, als sie schon “Odzamanuk!” rief.
Auch er stieg vom Pferd. Die Frau stand zwischen ihnen und sprach: ” Arewamanuk, da hast du deinen Sohn. Ich lasse ihn dir, ziehe ihn groß, doch ich gehe mit Odzamanuk, weil ich seine angetraute Frau bin.”

Drei Äpfel sind vom Himmel gefallen: einer für den Erzähler, einer für den Zuhörer und der dritte für den, der sich´s hinter die Ohren geschrieben hat.

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